200 Jahre Gastein bei Österreich – ein Überblick

200 Jahre Gastein bei Österreich – ein Überblick von Dr. Fritz Gruber

Das Gasteiner Tal gehört seit 1297 zu Salzburg und Salzburg gehört seit 1816 bleibend zu Österreich, nachdem es schon vorher zeitweise in habsburgischem Besitz war, die französische Besatzungszeit 1809/10 aushielt und dann sechs Jahre unter bayerischer Herrschaft stand.

Für die Zeit von 1816 bis heute wird eine von OSR Walter Wihart gestaltete Ausstellung mit ausführlichen Texttafeln interessante Informationen bieten, die die Entwicklung Salzburgs vor dem Hintergrund des Geschehens in Österreich und ganz Europa in hervorragender Weise ausleuchtet und mit Bildmaterial darstellt. Aus diesem Grund darf es hier erlaubt sein, das staatspolitische Geschehen nur in kurzen Umrissen zu skizzieren.

Gastein als Teil Salzburgs – und somit als Teil Österreichs

Nachdem das eigenständige Fürsterzbistum Salzburg im 18. Jahrhundert an wirtschaftlicher und staatspolitischer Bedeutung verloren hatte, versuchte der letzte geistliche Landesfürst, Hieronymus Graf Colloredo, durch Reformen einen neuen Aufwärtstrend zu ermöglichen. An ihn erinnert am Radhausberg die Ruine des einstigen Hieronymus-Berghauses und in der Montansiedlung Altböckstein zeigt man noch heute das Colloredo-Haus, das dort zum denkmalgeschützten Gebäude-Ensemble gehört.

Der „Reichs-Deputations-Hauptschluss“ beendete die weltliche Herrschaft Colloredos in Salzburg. Die Zeit ab 1803 war staatspolitisch ereignisreich, doch ist darauf hier nicht einzugehen, mit Ausnahme der französischen Militärverwaltung 1809/10. Es war nämlich Napoleon, der 1810 zugunsten Bayerns verfügte, dass Salzburg in den neu geschaffenen bayerischen Verwaltungskreis, genannt „Salzachkreis“, einzugliedern sei. Salzburg war damit bayerisch geworden und Gastein musste seine „Herren“, nach rund einem halben Jahrtausend salzburgischer Zugehörigkeit, nun zum zweiten Mal in Bayern suchen.  

Um 1815 „tanzte“ der Wiener Kongress und der österreichische Außenminister Klemens Metternich wurde zum „Kutscher Europas“. Aber man tanzte ja nicht nur, man verhandelte auch. Metternich war – zumindest anfangs – recht erfolgreich und schlug für das habsburgische Österreich das Bestmögliche heraus. Die in Wien versammelten Herrscher der europäischen Staaten wollten alles neu ordnen, vor allem auch etliche Staatsgrenzen neu ziehen. Nicht alle der damaligen Politiker in Bayern werden besonders begeistert gewesen sein, doch sie stimmten zu: Salzburg soll zu Österreich kommen, wenn auch mit Verlust einiger grenznaher Distrikte. Am 1. Mai 1816 war es so weit. Das Herzogthum (noch mit >th<) Salzburg wurde im Markus-Sittikus-Saal der Salzburger Residenz hochoffiziell an Österreich übergeben. Damit war Gastein, nach 1806, nun zum zweiten Mal österreichisch geworden.

Wie ging’s weiter? Dem Klemens Metternich, ab 1821 Staatskanzler, gefielen die Ideen und Werte der Französischen Revolution gar nicht, und so stellte er sich in der Innenpolitik konsequent gegen alle Liberalen, vor allem, wenn sie sich politisch organisieren wollten. Kaiser Franz I. von Österreich hielt alles unter seiner persönlichen Kontrolle bis zu seinem Tod 1835, sodass die konservative Kontinuität gewahrt blieb. Kaiser Ferdinand I. von Österreich, der „Gütige“, an dessen Regierungsfähigkeit berechtigterweise gezweifelt wurde, war ein hervorragender Botaniker und sprach fünf Sprachen fließend, nur konnte er, aus Gesundheitsgründen, nicht regieren. Das erledigte für ihn ein „Staatskomitee“, bestehend aus honorigen Männern und unter der Leitung von Staatskanzler Metternich. Er war nun allein der große Macher! Das „System Metternich“ ging so lange gut, bis der national-liberale Schock der Revolution von 1848 alle „betroffen“ machte, und dies im Doppelsinn dieses Wortes. Beides sollte vorbei sein: Metternichs verpöntes Spitzelwesen und die beschauliche „Biedermeier“-Zeit. Kaiser Ferdinand dankte ab und Erzherzog Franz Josef stieg zum neuen Kaiser auf. Er regierte von 1848 bis 1916, verlor zwei große Kriege, schloss andererseits den wichtigen „Ausgleich“ mit Ungarn und das Bündnis mit dem Deutschen Reich, 1879. Nach der Ermordung des Thronfolgers Franz Ferdinand am 28. Juni 1914 blieb ihm wohl nichts anderes übrig, als an Serbien den Krieg zu erklären. Die staatspolitische Initialzündung zu dem fürchterlichen Geschehen, das sich sehr rasch zum Ersten Weltkrieg entwickeln sollte, wurde von seiner Hand unterzeichnet.

Wie erging es Gastein und Salzburg, während sich all dies auf der österreichischen Bühne abspielte? Als Salzburg um 1816 administrativ an Oberösterreich angegliedert wurde, drohte die totale Provinzialisierung. Es war arg, als auf den Plätzen der Stadt Salzburg das Gras wuchs – für die Botaniker vielleicht interessant, solange sie sich nicht als Lokalpatrioten sahen. Diese gab es, und sie wollten Salzburg wieder zu Bedeutung bringen und sich von Linz als ihrer auferlegten Hauptstadt trennen. Die Bemühungen waren letztendlich von Erfolg gekrönt. Im Jahr 1861 erlangte das Land im Rahmen der Verfassungsentwicklung des Habsburgerstaates wieder uneingeschränkte Selbständigkeit. Es wandelte sich zu einem eigenen Kronland mit eigener Landesgesetzgebung, wobei die Beibehaltung der österreichischen Staatlichkeit im Typus der föderalistischen Ausprägung weiterhin als Selbstverständlichkeit nie infrage gestellt war. Das föderalistische Denken setzte sich sogar auf die Bezirksebene fort und 1867/68 kam es zur Errichtung von Bezirkshauptmannschaften, so auch in St. Johann im Pongau (zuvor in Werfen).

Ob die Eingliederung Salzburgs in das Habsburgerreich nur Positives brachte, ist wie jede allgemeine Frage, an irgendeiner Ecke negativ zu beantworten. Dieses negative „Eckerl“ trug in Salzburg den Namen „Kunstschätze“. Sich aus diesen mit dem einen oder anderen Stück zu bedienen, scheuten sie sich alle nicht, zuerst nicht die Franzosen (Mineraliensammlungen!), dann die Bayern und schließlich die Wiener Zentralbehörden. Rückgaben wären schön: ein schöner Traum oder doch ein realer, verwirklichbarer Wunsch? Die Zukunft wird es zeigen.

Gastein im Jahr 1816 und in den Folgejahren

Was war nun eigentlich in diesem bedeutungsschweren Jahr in Gastein los? Darauf eine einfache Antwort: eigentlich überhaupt nichts. Alles nahm seinen gewohnten Lauf, allerdings mit einer großen Ausnahme: Es war das Wetter, das verrückt spielte. 1816 gilt zu Recht als das „Jahr ohne Sommer“, so auch in Gastein, wo im Tal sogar noch im Juli Schnee lag. Schuld daran hatte der Tambora, ein Vulkan in Indonesien (Insel Sumbawa), der im Frühjahr 1815 mit einer unvorstellbar großen Eruption ausbrach und eine Wolke aus Aschenstaub rund um die Erde sandte. Das miserable, jeder Fruchtreifung entgegen wirkende Wetter traf vor allem die Bauern.

In Gastein gedieh das Getreide in normalen Jahren sehr gut, und sogar in Böckstein gab es ein großes Weizenfeld, heute eine Wiese. Der Schwerpunkt allen landwirtschaftlichen Schaffens lag aber schon damals auf der Viehzucht. Im Sommer bevölkerten die Gasteiner Almen um 1816 rund 700 Rinder, 200 Pferde und 4 000 Stück Kleinvieh (Schafe und Ziegen/Böcke). Auf das, was im Jahr 1848, dem Jahr der „Bauernbefreiung“ vom alten grundherrschaftlichen System, verwirklicht wurde, boten sich 1816 bestenfalls zukunftsorientierte Gedankenexperimente an. Die Bauern steckten, gegen ihren Willen, noch ein wenig in – auslaufenden! – mittelalterlichen Strukturen.

Erwähnenswert ist für 1816 und die Folgejahre noch eine zweite Ausnahme, doch betraf diese nur die Gäste. Es war die polizeiliche Bad-Inspektion in Person des „früheren Hofkammer Secretariats Accessisten und derzeitigen Unter-Commissaire bei der k.k. Polizey-Direktion in Linz“, Andreas Albrecht Chabert. Dieser Mann verrichtete als geheimer, dessen ungeachtet hier natürlich allen bestens bekannter Spitzel Metternichs seine „Spionagetätigkeit“ im Gasteiner Badewesen und unterstand ab 1817 direkt einem gehassten Mann, nämlich Josef Graf Sedlnitzky, seines Zeichens Leiter der Obersten Polizei- und Zensurhofstelle. Chabert, der schon unter französischer Administration etliche Polizei-Mandate abgefasst hatte, schrieb gern, und so schrieb er aus Gastein eine Unzahl von Berichten, die heute sehr interessant sind, weil sie das Badeleben jener Zeit widerspiegeln. Da es in Bad Gastein offenbar keine politischen Missetäter zu eruieren gab, so begnügte er sich beispielsweise damit, an höchste Stelle zu melden, dass beim Straubinger der bayerischer Oberkirchenrat Wiesmayr logiere, der aber nichts spreche und nur finster dreinblicke. Immerhin: Er war aus Bayern und daher grundsätzlich verdächtig.

Als man in Bayern Bilanz über den bayerischen Bergbau in Gastein und Rauris zog, dürfte es lange Gesichter gegeben haben: Von 1809 bis 1815 hatte man nur Verluste eingefahren, im Jahresdurchschnitt immerhin 2 931 Gulden. Vielleicht hing dieser Ärger noch im Jahr 1828 dem Maximilian Graf Montgelas nach, als er in Gastein die Badekur absolvierte. Er hielt während der Zeit des defizitären Bergbaus die Position eines bayerischen Ministerpräsidenten, seine „Dienstjahre“ reichten von 1799 bis 1817. Montgelas äußerte sich 1828 recht abfällig über Gastein und die Gasteiner.

Die Entwicklung des Besucherstroms ging nach 1816 deutlich nach oben und erreichte allmählich wieder den Stand wie vor der bayerischen Zeit. An Prominenten, nun überwiegend aus Österreich, fehlte es nicht. Schon im Jahr 1816 tauchte Friedrich von Gentz mit einem Gefolge von 11 Personen in Gastein auf, um die „Neuerwerbung“ im wilden Gebirge persönlich in Augenschein zu nehmen und die heilende Wirkung des warmen Wassers am eigenen Leib zu erproben. An Schlechtwettertagen las er die philosophischen Werke Kants und lud Goethe nach Gastein ein. Dieser kam nicht, wollte aber Gasteiner Mineralien: „Auch Gold vom Radhausberg wäre angenehm!“ – Herr von Gentz schien sich im Badeort der Kritik ausgesetzt zu haben, so geschehen jedenfalls vonseiten Franz Grillparzers, und das Wort vom „Genießer, Lüstling und Sybariten“ (Rudolf Holzer) machte die Runde. Dass er hier als Sechzigjähriger von der Liebe einer Zwanzigjährigen „beglückt“ (O-Ton des Herrn v. Gentz) wurde, spricht für die Qualität des Gasteiner Thermalwassers, wäre aber ansonsten völlig banal und uninteressant, wäre dieser Friedrich von Gentz nicht als Vertrauter Metternichs der Protokollführer des Wiener Kongresses von 1815 gewesen. (Übrigens spielte auch Metternich ganz gern den großen Lebemann!)

Als weitere Besucher Gasteins in der Zeitspanne nach 1816 prägten sich ins historische Gedächtnis: Kaiser Franz I. von Österreich, Erzherzog Rainer und vor allem Erzherzog Johann, der sich auf den alten Wetzel-Gütern ankaufte. Heute gibt das „Meranhaus“ davon Zeugnis. Ganz besonders hervorzuheben ist Ladislaus Pyrker von Felsö-Eör, der eines der ältesten erhaltenen Häuser Gasteins erwarb und dieses zu einem Militär-Badekurhaus widmete. Heute steht an dessen Stelle das moderne Hanusch-Kurheim. Pyrkers Gastein-Aufenthalte beginnen 1817, ein Jahr nach der Österreich-Werdung unseres Tales. Pyrker war nicht nur höchstrangiger Geistlicher und schließlich, 1827, sogar Erzbischof im ungarischen Erlau/Eger, sondern auch ein großer Literat. Die letztgenannte Eigenschaft verbindet ihn mit Franz Grillparzer, der Gastein 1818, 1819, 1820 und 1831 besuchte. – Franz Schubert, Arthur Schopenhauer, Wilhelm von Humboldt und etliche weitere Größen des Dezenniums nach 1816 stiegen in Gastein ab, um hier ihrer Gesundheit etwas Gutes zu tun. Der für Österreich „neue“ Kurort zog auch eine Reihe begabtester Landschaftsmaler an, darunter finden sich so berühmte Namen wie Matthäus Loder, Jacob und Rudolf von Alt, Ferdinand Waldmüller, Thomas Ender, Carl Libay; – später Georg Petzoldt, Adolf Menzel, Gustav Klimt und zahlreiche weitere. Sie alle ließen sich von Gasteins landschaftlicher Schönheit inspirieren.

Das Jahr 1865 und die Folgejahre, auch das Schicksal des neuen „privaten“ Goldbergbaus

Das Jahr 1865 verdient deshalb besondere Beachtung, weil es dem Namen „Gastein“ Eingang in die damalige Weltpresse verschaffte. Von New York über London bis Moskau und Kairo schrieb man über die „Gasteiner Konvention“, auch unter dem Namen „Gasteiner Vertrag“ bekannt, geschlossen am 14. August dieses Jahres. Nach dem Dänenfeldzug einigten sich Preußen und Österreich über die Aufteilung der eroberten Gebiete, und sie taten dies im nun weltberühmten Zimmer Nr. 7 des Hotels Straubinger, dessen Anblick heutigentags – leider! – nur mehr traurig zu stimmen vermag. Ebendies gilt für das ehemals fürsterzbischöfliche, dann kaiserliche „Badeschloss“, vielleicht sogar in noch höherem Maße! Da leuchtet Gastein in weltpolitischem Zusammenhang einmal ganz groß auf – und 150 Jahre später ist die Reminiszenz an diese einstige Welt-Berühmtheit kollektiv verdrängt und kaum noch einem Gasteiner bekannt. Man mache einen Test aufs Exempel!

Das Jahr 1865 ist noch in anderer Hinsicht einer besonderen Erwähnung wert: In diesem Jahr fand der staatliche (!) Goldbergbau nach 250 Jahren sein Ende. Musste 1615 der selbständige Staat namens „Fürsterzbistum Salzburg“ von den pleite gegangenen Privatgewerken die Weiterführung des gesamten montanistischen Besitzes übernehmen, nicht zuletzt „um einer armen Bevölkerung Brot und Arbeit zu geben“, so waren es 1866 wiederum private Gewerken, die in Gastein das wirtschaftliche Abenteuer eingingen und nun ihrerseits vom Staat, ab 1868 vertreten durch das damals zuständige österreichische Ackerbauministerium, den Bergbau am Radhausberg mit allen seinen Chancen und Risiken übernahmen. Die Initiative ergriff der Bad Hofgasteiner Kaufmann Peter Höhenwarter, der 1866 mit einer Reihe von unternehmungslustigen Gasteinern die montanistische „Union-Gewerkschaft“ gründete. Diese Gewerken-Vereinigung setzte sich später als „Erste Gewerkschaft Radhausberg“ fort, der ab 1907 die „Zweite Gewerkschaft Radhausberg“ folgte, ab 1911 unter der Direktion von Dipl.-Ing. Dr. Karl Imhof. Das montanistische Engagement des englischen „Edron-Trusts“ (Herbst 1937 bis Sommer 1938) und der Montanfirma „Preuß-AG“ (1938 bis 1945), diese heute im TUI-Großkonzern aufgegangen, erfolgte unter dem weiterbestehenden Firmennamen „(Zweite) Gewerkschaft Radhausberg“. Heutigentags sind als jüngste Sprösslinge dieser Entwicklung die „Erzbergbau Radhausberg“-Gesellschaft und die „Heilstollen- Betriebsgesellschaft“ als äußerst wichtige Wirtschaftsfaktoren im Tal zu nennen.

Ein Jahr später, 1866, kam übrigens, nachdem 1794 der große Steinbau des fürsterzbischöflichen „Badeschlosses“ den Anfang gemacht hatte, auch eine allgemein rege Bautätigkeit in Schwung, als deren bedeutendstes Projekt sich der Bau der neuen Preimskirche erweisen sollte, heute Bad Gasteiner Pfarrkirche, diese feierlich eingeweiht am 27. November 1876. Die alte Kirche war am geologisch instabilen Rutschhang nicht mehr zu halten und hatte abgetragen werden müssen. – Zwei Jahre später kam es zur Grundsteinlegung der evangelischen Christofforus Kirche, diese nun auf stabilem Felsgrund. Den gleichen Vorzug durfte die 1767 eingeweihte Böcksteiner Kirche für sich in Anspruch nehmen; sie wurde aber erst 1891 zur Pfarrkirche erhoben.

Das Jahr 1879 und die Folgejahre

Zwar nicht durch die Weltpresse, aber immerhin durch die gesamte deutschsprachige Presse ging das große Kaisertreffen vom September 1879. Der deutsche Kaiser Wilhelm I. und der österreichische Kaiser Franz Joseph I. trafen, wie später noch mehrere Male, auf dem Straubinger-Platz zu feierlichem Empfang aufeinander. Kaiser Wilhelm I. absolvierte zwanzigmal die Gasteiner Badekur und die Gemeinde Bad Gastein bedankte sich, indem sie zu seinem Begräbnis 1888 einen Kranz schickte, geflochten aus eintausend Edelweiß. – Sein Enkelsohn Wilhelm II. weilte ebenso in Gastein zur Kur wie Kaiserin Elisabeth, diese von 1886 bis 1893 mit insgesamt sechs Aufenthalten. Dr. Laurenz Krisch hat darüber eine Monografie geschrieben, in der auch zwei von Kaiserin Elisabeth verfasste Gastein-Gedichte wiedergegeben sind (Schriften des Gasteiner Museums, 1998).

Im Jahr 1879 war der deutsche Kanzler Fürst Bismarck – wie auch sonst mehrmals – in Gastein, um sich mit dem päpstlichen Nuntius Jacobini und dessen Beraterstab zu treffen. Man war beiderseits bemüht, den in Deutschland seit längerem wogenden „Kulturkampf“ zu beenden. Bismarck wollte eine völlige Trennung von Staat und Kirche. Streitpunkte, die in Gastein zur Sprache kamen, waren die Schulgesetze und die neu beschlossene Zivilehe. – Außerdem führte Bismarck im gleichen Jahr 1879 in Gastein Vorverhandlungen zum deutsch-österreichischen Bündnis. Dieser „Zweibund“ wurde am 7. Oktober 1879 offiziell unterzeichnet.

Die Anwesenheit der hohen und höchsten Herrschaften zog natürlich viele Gäste nach Gastein. Man wollte „dabei“ sein. Der Schüttelreim vom „Bandelwahn auf der Wandelbahn“ charakterisierte die Situation. Man wollte auf der sich westlich an die Wasserfallbrücke anschließenden ca. 130 m langen und 5 m breiten, gut eingedeckten „Wandelbahn“ hin und her „wandelnd“ neue Kontakte knüpfen, um vielleicht auf diese Weise einen Orden zu bekommen, möglichst einen am Band, zumindest am „Bandl“, auch wenn sich das wohl so gut wie immer als „Wahn“ herausgestellt haben dürfte, eben als „Bandelwahn“. Diese „Wandelbahn“ stellte aus architekturgeschichtlicher Sicht ein geradezu monströses Bauwerk dar; im Jahr 1971 musste es einer modernen Betonkonstruktion des renommierten Architekten Gerhard Garstenauer weichen. Derzeit ist es in Verfall begriffen, wie eigentlich alles im kulturgeschichtlich überaus wertvollen Bad Gasteiner Zentrum rund um den Wasserfall. Dass es so weit kommen konnte, dafür sind Spekulanten die Ursache.

Der „Big Deal“ von 1912 und der schwierige Weg dorthin

Das Jahr 1912 brachte einige Unruhe ins Tal. Dipl.-Ing. Dr. Karl Imhof erwog mithilfe seines Rechtsanwalts Dr. Povinelli, sich von Bad Gastein zu lösen und Böckstein zur einer selbständigen Gemeinde zu machen. Sie beriefen sich auf ein Gutachten von 1850, demzufolge es damals im Gasteiner Tal sogar fünf Gemeinden gegeben habe: Marktgemeinde Hofgastein (726 Seelen), „Kuralgemeinde“ Hofgastein (Wieden, Harbach, Heißingdfelding, Vorderschneeberg, zusammen mit 1369 Seelen), „Vikariatsgemeinde“ Dorfgastein (703 Seelen), „Vikariatsgemeinde Wildbadgastein“ (gesamt 680 Seelen, davon Wildbadgastein 378 Seelen; und Remsach 302 Seelen) sowie schließlich auch Böckstein (157 Seelen, aber mit 19 270 Joch die mit weitem Abstand größte Gemeinde-Fläche). Der Plan wurde nicht verwirklicht und es herrschte fortan wieder Ruhe. Viel wichtiger war damals etwas ganz anderes, nämlich der zur Diskussion stehende „Big Deal“ um das warme Wasser:

Schon die letzten drei Dezennien des 19. Jahrhunderts hatten Bewegung in die besitzrechtlichen Verhältnisse im Umkreis der Nutzung des Thermalwassers gebracht. Durch die Jahrhunderte war der „Genuss“ desselben kaum geregelt und eine Warmwasserquelle („warmer Brunnen“) bestimmte ihren Wert einzig und allein über den Wert des umgebenden Grundes, wenn sich dieser etwa als Ziegenweide nützen ließ. Jede Art von Wasser gehörte zwar regalrechtlich grundsätzlich zunächst immer dem Landesherrn, doch im Laufe der Jahrhunderte entwickelten sich bei den Gasteiner Thermalquellen, quasi aus wilder Wurzel, schließlich doch auch offiziell anerkannte persönliche Besitzrechte. Quellen am Nordhang unter dem Hotel Straubinger beanspruchte die Familie Straubinger; und Quellen am west-schauenden Teil des Quellhanges hatten wechselnde Besitzer, unter ihnen in früher Zeit vor allem die Pfarre Hofgastein, die die Hauptquelle, die heutige Elisabethquelle, durch die Jahrhunderte hindurch lange zu ihrem Besitzstand zählte.

Wohl der bedeutendste Markstein für die Entwicklung nach 1816 war der bereits 1825 beschlossene Bau einer Thermalwasserleitung von Bad Gastein nach Bad Hofgastein, die so gut isoliert war, dass auf der doch relativ langen Transportstrecke von 7 250 m das Thermalwasser durch entsprechend wirksame Isolierungen nur sehr geringfügig an Wärmegraden einbüßte. So konnte am 13. Oktober 1828 von offizieller staatlicher Seite grünes Licht für den Bau einer Hofgasteiner „Filial-Badeanstalt“ gegeben werden, und damit öffnete sich ein weit einladendes Tor zu Aufbau und Weiterentwicklung eines Kurortes, ein Tor, das dann auch tatsächlich rasch zu hohem Renommee und bedeutendem wirtschaftlichem Erfolg führte.

Im Jahr 1870 entschloss sich die Salzburger Regierung, seit 1861 ja in der Position eines selbständigen Bundeslandes, zum Ankauf des größten Teils der Thermalquellen und verfügte im gleichen Jahr die Festlegung von „Quellschutzgebieten“ rund um die Thermalquellen und teilweise bis Böckstein. – Als sich dann in der Folgezeit die Finanzlage verschlechterte, wollte die Salzburger Regierung zu flüssigem Geld kommen und bot das in ihrem Besitz stehende Gasteiner Thermalwasser zum Kauf an. Die Gasteiner fürchteten nun, dass fremde Konkurrenten auf den Plan treten könnten, und dies nicht zu Unrecht, denn französische Financiers, so ging das Gerücht, wollten viel, ja sehr viel bieten. In dieser Situation hatte Bürgermeister Carl Straubinger eine geniale Idee: Soll doch der Kaiser die zu Gebot stehenden Quellen kaufen. Der Coup gelang: Am 4. Jänner 1886 stimmte Kaiser Franz Joseph zu, und die Quellen samt großem Grundbesitz (Quellschutzgebiet), der bis nach Böckstein reichte (einschließlich des heutigen „Kurhauses Rader“, früher „Kaiserliches Kaltwasser-Kurhaus“), gingen besitzrechtlich an den „Allerhöchsten Familienfonds“ der habsburgischen Familie über. Der Kaufpreis lag bei 550 000 Gulden; dieser Betrag entsprach    1 100 000 Kronen, und zwar ab 1. Jänner 1900, ohne Zinsen gerechnet.

Aber in der Gemeinde Bad Gastein regte sich bald Begehrlichkeit: Es wäre halt doch sehr schön, wenn man die Quellen selber hätte. Das Haus Habsburg erteilte zunächst, 1897, die Einwilligung zu einem Pachtvertrag, der die Gemeinde aber durch einen hohen Pachtzins sehr belastete. Das Kaiserhaus ließ beispielsweise auch ein kleines Elektrizitätswerk bauen und verlangte für den abverkauften Strom höhere Preise, als sie in Wien üblich waren. Immer mehr waren mit der „kaiserlichen Ära“ unzufrieden, je später, je mehr. Der Vorwurf stand im Raum, dass die Interessen des Kurwesens vernachlässigt würden. Abhilfe, so meinten manche zunächst, könnte nur der Rückkauf der Quellen durch die Salzburger Landesregierung bringen. Aber es kam anders.

Fünfzehn Jahre später, 1912, ging der große, sozusagen der finale „Big-Deal“ über die Bühne. Er umfasste zwei getrennte, aber zusammengehörende, da zusammen geplante Transaktionen: Vertrag 1: Bad Gastein verkauft Thermalwasser an Bad Hofgastein und lukriert Geld, ungefähr 25 % der Kosten für Vertrag zwei; – Vertrag 2: Bad Gastein kauft die Quellen aus kaiserlichem Besitz.

Im Detail ging es um Folgendes: Zunächst verzichtete die Salzburger Landesregierung offiziell auf ihr Vorkaufsrecht, allerdings unter der Bedingung des Freibezugs von Thermalwasser zugunsten des Armen-Badespitals (heute die moderne Kuranstalt „Badehospiz“). Dies positiv geklärt, konnte nun die „Generaldirektion der Privat- und Familien-Fonde Sr. k. k. apostolischen Majestät“ mit Verträgen vom 10. und 13. November 1912 allen seinen Gasteiner Besitz an die Gemeinde Bad Gastein verkaufen. Der Preis lag nun bei 2 500 000 Kronen, was von habsburgischer Seite kommentiert wurde: Das Gasteiner Engagement hätte, so die Kalkulation unter Berücksichtigung der üblichen 5 % Habenzinsen „weder Gewinn noch Verlust“ gebracht. Die einträgliche Nutznießung des Thermalwassers, direkt oder indirekt, immerhin 26 Jahre lang (1886-1912), blieb dabei unberücksichtigt. Die Herren „Öconomici“ des Kaiserhauses wussten, wie sich Vorteile herausschlagen ließen.

Bad Gastein konnte den finanziellen Brocken des Kaufpreises „mit Würgen“ schlucken. Zum einen half ein in größerem Umfang gewährtes Darlehen der Österreichisch-Ungarischen Staatsbank mit ihrer Salzburger Filiale; und zum anderen durften die Gemeindeväter eine für den 1. Jänner 1916 in Aussicht gestellte künftige Zahlung von Bad Hofgastein erwarten. Die Bad Gasteiner Gemeinde hatte nämlich, den bevorstehenden „Big Deal“ konkret ins Auge fassend, den Bad Hofgasteinern bereits mit Verträgen vom 27. und 29. Februar 1912 ein großes Zugeständnis gemacht und dafür von der Gemeinde Bad Hofgastein die Summe von 620 000 Kronen rechtsverbindlich versprochen bekommen. Dies war der zu erlegende Preis dafür, dass die Bad Gasteiner als Geber den Bad Hofgasteinern als Nehmern exakt 950 m³ Thermalwasser unentgeltlich überlassen mussten, und zwar täglich und auf ewige Zeiten. Das war möglich, da trotz des täglichen „Aderlasses“ noch mehr als genügend Thermalwasser in Bad Gastein verblieb.

Die Gemeindeverwaltungen beider Kurorte nutzten in ihren Wasserabteilungen die Finanzquellen, die so stetig flossen wie das Warmwasser zu den Endverbrauchern, zum allergrößten Teil also zu den Hotels, wo die Gäste die von den Kurärzten verordneten Bäder bezahlten und so die Schuldenstände – über viele, ja sehr viele der folgenden Jahre hinweg, ganz allmählich, schön peu à peu – verringern halfen. Dem Vernehmen nach waren 1912 alle zufrieden: Bad Hofgastein, Bad Gastein und der Kaiser. Natürlich war zuvor, im Frühjahr 1912 und schon um etliches früher den Anfang machend, schier endlos hin und her verhandelt worden: Fünf Laufmeter an gestaffelten Akten liegen dazu im Wiener Haus-, Hof- und Staatsarchiv, doch auf die zahlreichen sich „spießenden“ Detailfragen einzugehen, würde hier viel zu weit führen.

Die Gemeinde Bad Gastein hielt nun den größten Teil des kostbaren Warmwassers in ihrem Besitz – und dazu noch ausgedehnte Grundflächen in Richtung Böckstein. Der weit vorausblickende Traum des großartigen Ortschefs Carl Straubinger war endlich Wirklichkeit geworden! Aber es gibt noch etwas, was ihm, nun Kaiserlicher Rat, zu verdanken ist: die Tauernbahn-Trasse durch das Gasteiner Tal. Im Jahr 1901 unterzeichnete Kaiser Franz Joseph diese Variante – gegen die Konkurrenz der Trasse über das oberkärntnerische Gmünd im Malta Tal. Um 1905 war die Nordrampe der Bahntrasse fertig. Erstmals 1909 stand dann in Böckstein das Signal auf Grün zur Durchfahrung des Tauerntunnels in seiner vollen Länge von 8.8 km. Im Jahr 1911 war die gesamte Strecke zwischen Spittal an der Drau und Schwarzach durchgängig befahrbar.

Der Massentourismus konnte nun so richtig aufblühen, zumal neue Hotelbauten viele Gäste nicht nur aus aller Welt anzogen, sondern vor allem auch aus der österreichischen Mittelschicht: Als Beispiel sei der Schriftsteller Peter Rosegger genannt, der am 11. Juli 1906 per Bahn in Bad Gastein eintraf. Stellvertretend für viele andere bedeutende Hoteliers sei hier der Stammvater der Gasteiner Hoteliersfamilie Windischbauer genannt, nämlich Alois Windischbauer, gestorben 1916. Auf seine Initiative entstanden in ihrer Urform der „Elisabethhof“, der (nun abgetragene) „Gasteinerhof“ sowie der „Kaiserhof“. Später folgten als Großhotels das „Hotel Mozart“, das „Bellevue“ und das „Grand Hotel De‘ l Europe“, über das Dr. Laurenz Krisch eine Monografie schrieb (Schriften des Gasteiner Museums 2009).

Gastein in den Dreißiger und Vierziger Jahren des 20.Jahrhunderts

Nach der Katastrophe des Ersten Weltkriegs, auf den hier wegen der ausführlichen Behandlung in der kommenden Ausstellung ebenso wenig einzugehen ist wie auf den Zweiten Weltkrieg, brachten die Dreißiger Jahre des 20. Jahrhunderts das Hochkommen des Nationalsozialismus. Die Tausend-Mark-Sperre ließ die Gasteiner Hoteliers in eine äußerst schwierige Lage geraten. Lag die Zahl der deutschen Gäste 1932 noch bei 16 141, so fiel sie 1933 auf 1 909 ab, also auf etwas mehr als ein Zehntel! Dr. Laurenz Krisch kam aufgrund seiner streng wissenschaftlich geführten und alles erreichbare Schriftmaterial aus dieser Zeit einschließenden Dissertation zu folgendem Ergebnis: Die Unternehmer, „die durch Konkurse oder Ausgleiche in ihrer Existenz bedroht waren, waren deutlich stärker nationalsozialistisch gesinnt“ als beispielsweise die vielen durch die Tausend-Mark-Sperre arbeitslos Gewordenen, „die sich eher der kommunistischen Partei zuwandten.“ Und Dr. Krisch weiter: „Die Kombination von traditionellem ‚Deutschbewusstsein‘, fähigen Führerpersönlichkeiten, geschlossenen nationalsozialistischen ‚Wir‘-Gruppen und die sich anbahnende Wirtschaftskrise waren meines [L. Krischs] Erachtens die Ursachen dafür, dass die beiden Gasteiner Orte (Bad Gastein und Bad Hofgastein) zu ‚Nazi-Nestern‘ wurden, wie der Bad Hofgasteiner Hauptschuldirektor 1934 behauptete“ (Ende Zitat L. Krischs). In der „Reichskristallnacht“ (Reichspogromnacht) vom 9. November 1938 kam es zu Beschädigungen von Hotels, die in jüdischem Besitz standen, doch traf es keine Personen, da die Juden zuvor bereits das Tal verlassen hatten. Soweit der wissenschaftliche Forscher Dr. Krisch, dessen Arbeiten auch für die folgenden Aussagen häufig herangezogen werden.

Im Jahr 1940 verwandelte sich Bad Gastein zu einer Lazarett-„Stadt“ für die Wehrmacht. Nach Aussage des damaligen Kurdirektors Heinrich von Zimburg waren hier zeitweise rund 10 000 verwundete Soldaten gleichzeitig anwesend, die medizinisch versorgt werden mussten. – Am 10. Mai 1945 rückte die erste motorisierte amerikanische Einheit der 101. Airborne Division, von Bad Reichenhall kommend, in Bad Gastein ein. Im Oktober 1945 bezogen die ersten jüdischen DPs (Displaced Persons) aus den europäischen Ostgebieten ihre Quartiere in Bad Gastein, das fortan als sogenanntes „Lager“ galt. Das Grand-Hotel in Bad Hofgastein führte die UNRRA als Spital, wobei UNRRA für „United Nations Relief and Rehabilitation Administration“ steht. Als im Jahr 1947 sowohl die jüdischen Flüchtlinge als auch die amerikanischen Besatzungssoldaten aus Gastein abzogen, erwiesen sich die zuvor meist überbelegten Hotels als stark in Mitleidenschaft gezogen und bedurften einer Renovierung.

Der Neu-Aufschwung in Gastein: Kurwesen und Seilbahnen

Der Bevölkerung ging es in den Nachkriegsjahren schlecht und der Tourismus kam nur allmählich wieder in die Gänge. Das Kurwesen erhielt nach dem „Big Deal“ von 1912 neue Impulse durch zwei wichtige Bauten: in Bad Hofgastein ein (- aus heutiger Sicht unter der Bezeichnung „altes“ laufendes -) Kurhaus (1916) und in Bad Gastein das „Kurbadehaus“ (1931). – Wenige Jahre später, 1936, kam es nicht nur zur Eröffnung des von Kurdirektor Heinrich von Zimburg neu gegründeten „Gasteiner Museums“ (Wiedereröffnung 1974 durch Dr. Hermann Greinwald und Dr. Fritz Gruber), sondern auch zur Etablierung des „Gasteiner Forschungsinstituts“ in Anwesenheit des damaligen Bundespräsidenten Dr. Wilhelm Miklas. Dieses Institut sollte der weiteren Erforschung der Heilkraft des Thermalwassers gewidmet sein, nachdem bereits Pierre Curie und Prof. Heinrich Mache, beide im Jahr 1904, den Radongehalt des Wassers festgestellt hatten. Pierre Curie, gemeinsam mit seiner Gattin Marie Curie um 1903 mit dem Nobelpreis geehrt, hielt das Gasteiner Heilwasser für „das stärkste“ in Europa, wobei mit „stärkste“ wohl gemeint war „das im höchsten Grade radioaktive unter allen untersuchten Heilwässern“. Man hatte endlich gefunden, was Dr. Ignaz Niederhuber als Gasteiner Badearzt schon 1790 mit seherischer Gabe als das geheimnisvolle „Agens“, also das auf geheimnisvolle Weise „Handelnde“, „Wirkende“, vermutete. — Heute ist alles geklärt, auch die im „Gasteiner Heilstollen“ wirksamen Heilfaktoren Radongehalt, Wärme und Luftfeuchtigkeit. Die neuerdings von der Heilstollendirektion aufgestellte Theorie klingt bestechend einfach und plausibel: In jenen Gesteinsmassen, die den Stollen zu allen Seiten umgeben, tritt vom Thermalwasser stammender Wasserdampf auf und gelangt irgendwie in den Stollen. Manche Naturwissenschaftler hegen allerdings Zweifel. Schon der frühere Geologe, Mineraloge und langjährige Stollen-Betriebsleiter Ing. Karl Zschocke sagte, das Gestein im Stollen „ist staubtrocken“ (so wörtlich). Die Feuchtigkeit kommt einfach durch die Lüftungsrohre in die hinteren Teile des Stollens. Wie auch immer: Hauptsache ist, der Heilstollen wirkt – und das tut er in hervorragender Weise! Besonders die Erkrankungen des rheumatischen Formenkreises finden erfolgreiche Linderung, aber auch bei Asthma bewährt sich der Stollen. Für die empirisch-medizinische Erforschung machten sich Univ.-Prof. Dr. Ferdinand Scheminsky und Oberarzt Dr. Otto Henn in der „Pionierzeit“ des Heilstollens verdient.

Was die Kurärzte des 19. Jahrhunderts als besonders wichtig für das Gelingen einer Kur herausstrichen, war die Wirkung des „locus amoenus“, also des „schönen Ortes“, womit sie die schöne, angenehme und gesunde Umgebung meinten. Heute sind zur Schönheit der Natur mit gutem Recht auch die modernen „Facilities“ hinzuzurechnen, die das Kur- beziehungsweise das Urlaubserlebnis in noch höherem Maße „facilis, -e“, also „leicht, erhebend, erfreuend“ machen. Zu Erreichung dieses Zieles gelangten in jüngerer Zeit in beiden Kurorten große Hallenbäder zur Ausführung: das Bad Gasteiner „Felsenbad“, heute „Felsentherme“, und die Bad Hofgasteiner „Alpentherme“, diese samt neuem Kurhaus.

Und noch etwas ganz Wichtiges: Den „locus amoenus“ kann man am besten auf den Bergen oben genießen – und dazu verhelfen seit dem letzten Krieg die „Facilities“ der technischen Bergbeförderung. Der Tourismus wäre heute ohne die Seilbahnanlagen in Sportgastein, am Graukogel und Stubnerkogel und auf der Schlossalm sowie ohne jene auf das Dorfgasteiner Fulseck unvorstellbar. Technikbegeisterte einerseits und Skilaufbegeisterte andererseits freuen sich schon auf die neue Super-Anlage, die die „Gasteiner Bergbahnen“-AG in naher Zukunft auf die Schlossalm bauen wird.

Die erfreuliche moderne Situation bildete sich nicht schlagartig aus, sondern allmählich. Wenn man in die Geschichte blickt, so zeigt sich: Gastein glänzt als Pionierland im Seilbahnwesen! Im Herbst des Jahres 1803 bezwang erstmals eine mittels Wasserrad getriebene und an einem Seil hängende Fördertruhe auf einem Holzgeleise die 700 Höhenmeter zwischen der Astenalm und dem Hieronymushaus auf 1950 m Seehöhe. Diese Anlage funktionierte einwandfrei bis 1865 und diente den Bergbaubedürfnissen, manchmal auch zur Personenbeförderung. Erster prominenter Gast: Kurfürst Ferdinand von Toskana, der damalige Landesherr des „Kurfürstentums Salzburg“ (1803-1805). Es war die erste echt alpine Seilbahn der Ostalpen, wahrscheinlich sogar noch darüber hinaus. Dann stand eine Zeitlang eine Art Personenaufzug für Gehbehinderte im Straubinger in Betrieb: Die Bäder befanden sich ja am Hang unterhalb des Hauses, daher war ein – im Tal erster! – Personenlift nötig! Für die Auf- und Abbewegungen waren zwei Männer mit dicken Armmuskeln zuständig. Sie betätigten ein massives Kurbelrad, das Seile, mit einem Sessel daran, auf- und abwickelte. – Viel später, 1926, gedieh ein Plan sehr weit, der eine Seilschwebebahn von Bad Gastein zum Gipfel des Gamskarkogels vorsah; diese kam dann aber doch nicht zur Ausführung, übrigens ebenso wenig wie eine Transportseilbahn für Erze, die am Talboden des Nassfeldtales von Sportgastein/Nassfeld bis Böckstein führen sollte und deren meterlangen Pläne zur Bau-Ausführung bereitlagen. – Mehr als zehn Jahre später, 1939, unterzeichneten Gasteiner Bürger den Gründungsvertrag für die „Stubnerkogel-Bergbahngesellschaft“. Am 30. Dezember 1945 ging ein Sessellift auf dem Graukogel in Betrieb und im Jahr darauf folgte ein Sessellift zur Hofgasteiner „Aeroplan“-Kitzstein Gegend hinauf. Seit diesen Anfängen nahm das Seilbahnwesen in Gastein einen gewaltigen Aufschwung – bis in unsere Tage, als vor Kurzem mit der Bad Gasteiner „Flying Waters“ Seilanlage eine neue, künftig gewiss weiter ausbaubare Variante auf den Plan trat.

Der Grund für die überragende Bedeutung des Seilbahnwesens liegt heutigentags zum allergrößten Teil im nach wie vor boomenden Wintertourismus, der mittlerweile übrigens auch Dorfgastein erreicht hat. Der seilbahnmäßige Zusammenschluss mit dem benachbarten Großarl Tal über das Fulseck machte den Ort für Wintersportler so attraktiv, dass dort 2015 und 2016 die amerikanische Ski-Nationalmannschaft ihr Europa-Standquartier aufschlug. – Dem Vernehmen nach ist in Dorfgastein eine weitere Großseilbahn im Vorplanungsstadium.

Der Wintersport in Gastein

Bereits im 16. Jahrhundert schrieb in Gastein ein damaliger Bergrichter ziemlich verärgert, dass die Knappen schon am Freitag mit ihren „Brettern“ vom Berg ins Tal abfuhren, um früher bei den in den Wirtshäusern wartenden „unverheurateten“ Frauen zu sein. Die Knappen werden wohl sogenannte „Ha-Bretter“, diese seinerzeit allgemein zum Heutransport üblich, verwendet haben, aber immerhin: In gewissem Sinne waren sie die „Vorläufer“ der heutigen Wintersportler. Die eher einem Skibob ähnlichen „Knappenrössl“ bewährten sich ebenfalls schon sehr früh für Talfahrten.

Der „richtige“ Wintersport kam wahrscheinlich durch zwei Rauriser in unsere Gegend: Ignaz Rojacher und Wilhelm von Arlt. Die beiden brachten 1880 von ihrer Reise nach Falun in Schweden quasi als „Souvenirs“ zwei Paar Skier mit. Den Herren und Damen des Österreichischen Alpenvereins, dessen Bad Gasteiner Sektion bald darauf, 1883, gegründet wurde, konnten diese neuen Geräte nicht entgangen sein. Es dürfte kaum lang gedauert haben, bis man auch in Gastein diesen neuen Sport ausübte und sich dafür begeisterte. Der bis heute berühmte Lilienfelder Skipionier Matthias Zdarsky führte in den Jahren 1908, 1909 und 1911 in Bad Gastein „Militärskikurse“ durch. Der Skiclub Bad Gastein wurde 1912 gegründet. Der bekannte Skipionier Oberst Georg Bilgeri war in den folgenden Jahren wiederholt zu Gast in Bad Gastein. – Besonders viel für den Wintersport in Gastein tat der berühmte Ski-„Instruktor“ (und Kunstmaler) Ernst Dosenberger, in Bad Hofgastein 1922-1932 und 1945, über den Dr. Laurenz Krisch eine Monografie verfasste (Schriftenreihe des Gasteiner Museums, 2013). Der bisherige Höhepunkt des Wintersports im Gasteiner Tal war die im Jahr 1958 am Graukogel durchgeführte Skiweltmeisterschaft. Als großartigster „Meister“ ging aus dieser „Meisterschaft“ Toni Sailer hervor. – Es gab dann noch vierzehn Damen-Weltcup-Rennen, die als Großveranstaltungen von der FIS ausgetragen wurden und unter dem Namen „Gasteiner Silberkrugrennen“ firmierten (1961-1988). Diese werbeträchtigen Rennen sind heute nur noch als Erinnerungswert vorhanden. Gastein assoziierte sich in der Folge mit der „Ski amadé“-Wintersportregion und ist mit seinem winterlichen – und in letzter Zeit durchaus auch sommerlichen – Breitensport die wichtigste Säule des gesamten Tourismus im Tal.

Resümee

Was die Landwirtschaft anlangt, so war Gastein um 1816 noch ein weitestgehend von diesem Erwerbszweig dominierend geprägtes Tal, mit einer rund 1000-jährigen bäuerlichen Tradition. Mit dem kleinen Maisfeld in Dorfgastein ging im letzten Jahr der letzte Rest des früher weitverbreiteten Getreideanbaus verloren, doch spielt heute die Viehwirtschaft nach wie vor eine Rolle im Tal, von Sportgastein bis zu den Almen um Dorfgastein.

Um 1816 konnte die kurmäßige Nutzung des Thermalwassers bereits auf eine rund 500-jährige Geschichte zurückblicken, wenn sich diese auch meist nur in kleinem Rahmen abspielte. Die Bäder des Jahres 1816 boten sich als sehr einfach dar, doch der Kurbetrieb gewann dessen ungeachtet neuen Auftrieb, zunächst nur in Bad Gastein, etwas später dann auch in Bad Hofgastein. In der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts errang Bad Gastein durch die Kaiserbesuche das Flair eines Weltkurortes, während Bad Hofgastein durch seine Jahrhunderte hindurch gepflogene zentralörtliche Funktion – Markt-Privilegium seit 1371! – für die breite, meist bäuerliche Bevölkerung vorrangig bedeutend blieb und erst etwas später sein hohes Ansehen als Kurort festigen konnte. Die Nächtigungszahlen der beiden Kur- und Wintersportorte liegen heute im Großen und Ganzen gleichauf, öfters mit kleinem Vorsprung für Bad Gastein.

Mit dem Bergbaubetrieb am Radhausberg, einschließlich des infrastrukturellen Umfeldes in Altböckstein, fristete um 1816 eine spezifische Art „industrieller Produktion“ bereits seit Längerem ein eher bescheidenes Dasein. Der Bergbau nahm dann in jüngerer Zeit unter der deutschen Preuß-AG nochmals einen gewissen Aufschwung, doch brachte das Jahr 1945 das definitive Ende des Abbaubetriebes. An die in sehr früher Zeit „glorreichen“ Tage, als man allein im Jahr 1557 nicht weniger als 830 kg Gold und 2723 kg Silber gewann, erinnern heute noch die vom Verein „Via aurea“ gegründete „Knappenwelt Angertal“ und die beiden Museen in der „Montansiedlung Altböckstein“.

Im Tal fehlte nun jedwede Industrie, und der Tourismus in seinen verschiedenen Ausprägungsformen steht bei Weitem dominierend im wirtschaftlichen Vordergrund. Dabei zeigten die letzten Jahrzehnte die bedingungslose Anpassung an den „jungen“ Trend, sodass das Kurwesen nun im großen Rahmen des Tourismus nicht mehr an erster Stelle steht. Die Infrastruktur, sowohl die kommunale als auch die der Hotellerie, sucht mit beeindruckenden Investitionen den neuen Wunschvorstellungen eines relativ jungen Gästepublikums zu entsprechen.

Damit endet der sich über 200 Jahre erstreckende Überblick, der zwangsläufig durch die Auswahl der Themen subjektiv gefärbt sein musste. Eine völlig objektive Darbietung in Schrift und Bild wird die kommende Ausstellung bringen, deren Besuch bereits jetzt sehr – oder besser: dringendst !- empfohlen wird.

Dr. Fritz Gruber

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